Selbst das Amt des amerikanischen Präsidenten, das man lange mit emotionaler Zurückhaltung verband, wird gegenwärtig von einem dauererregten Amtsinhaber besetzt. Diagnosen wie die eines „Zeitalters des Zorns“, die Pankaj Mishra 2017 in seinem gleichnamigen Buch entfaltete, scheinen nahezuliegen. Durchsticht man die aggressive Oberfläche der spätmodernen Kultur, stellt sich jedoch heraus, dass ihre emotionale Struktur noch um einiges komplizierter ist. Emotionen scheinen grundsätzlich gut, notwendig und „authentisch“ zu sein; sie erst geben dem Leben Farbe und Intensität – so die Grundüberzeugung, die in den letzten Jahrzehnten vermittelt wurde. Ein wenig ist es wie mit dem Zauberlehrling: Man wollte die lustvollen Emotionen befreien – und ist nun mit den Folgen des grassierenden Ausdrucks von Unlust konfrontiert.
Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung November 27, 2019 16:41 UTC