Es heißt, das Virus sei eine Art Vergrößerungslinse für bestehende gesellschaftliche Probleme, Schieflagen und Ungleichheiten. Die Pandemie ist auch ein Brennglas für die Tristesse der intellektuellen Öffentlichkeit Deutschlands. Sie betreiben eine Art der Reflexion, die selten Überraschendes, Irritierendes oder Herausforderndes zutage fördert, eine Art des kritischen Räsonierens, die breites Einverständnis erzeugt. Die Virus-Ethik ist von der Tendenz beseelt, in der Krise eine Besserungsapparatur der Gesellschaft, der Menschheit im Allgemeinen zu erblicken. Was ist von politischen Vertretern zu halten, die sich empören oder gar vertrottelt darüber wundern, dass sich in einer krisenhaften Situation plötzlich auch egoistische Verhaltensweisen zeigen, dass sich auch berechnendes, auf Gewinnmaximierung abzielendes Marktverhalten bahnbricht?
Source: Der Tagesspiegel April 06, 2020 17:37 UTC