Nicht nur die Götter, auch die Menschen lieben das apodiktische Urteil. Dem schönen Jüngling Paris war es aufgegeben, die schönste aller Göttinnen zu benennen, und seine Wahl fiel weder auf Hera noch auf Athene, sondern auf Aphrodite, weil sie, die Listigste der dreien, Paris die schönste Frau auf Erden als Lohn versprochen hatte, was bekanntermaßen zum Raub der Helena und zum Trojanischen Krieg führte. Das Urteil über den besten Wein der Welt hat bisher glücklicherweise noch keine kriegerischen Auseinandersetzungen nach sich gezogen, obwohl das vor hundert Jahren, in den Zeiten der deutsch-französischen Erbfeindschaft, wahrscheinlich noch ganz anders gewesen wäre. Doch beim diesjährigen Concours International de Lyon, der inoffiziellen Weinweltmeisterschaft, wurde gefeiert statt gefeuert, als keiner der großen Burgunder, keines der legendären Châteaux aus Bordeaux, sondern der Chardonnay eines nicht gerade weltberühmten Weinguts aus Überlingen am Bodensee den stolzen Franzosen die Titelkrone so frech vor der Nase wegschnappte wie einst Paris die schöne Helena dem König der Spartaner. Kaum mehr als sechshundert Hektar stehen am nordöstlichen Bodenseeufer bei Überlingen und Meersburg unter Reben, die offiziell zum sechzehntausend Hektar großen Weinland Baden gehören.
Source: Frankfurter Allgemeine Zeitung August 25, 2017 09:33 UTC